Der Wein und der Korkenzieher
Der Korkenzieher – die Hebamme des Genießers
Wein - ist er erst einmal auf Flaschen gezogen, dann muss er auch verschlossen werden, damit er seine Qualität behält oder sogar steigern kann. Seit den Römern geschieht dies mehrheitlich mit Korken. Auch wenn der neuartige Schraubverschluss oder noch stillosere Metallkapseln auf dem Vormarsch sind, der Korken bleibt der Standard-Verschluss des Weines; und je populärer der Drehverschluss wird, desto mehr steigt der Korken in den Rang eines prestigeträchtigen Status- ja Kennersymbols auf.
Fazit: auch in Zukunft gibt es keinen echten Weingenuss ohne den Korkenzieher. Allein schon das Ansetzen des Gerätes und dessen Handhabung hat etwas von einer Zeremonie, ja von einer rituellen Handlung. Wein ab einer gewissen Preisklasse wird nicht ohne zur Schau getragene Kennerschaft konsumiert. Den ausgewiesenen Connaisseur kann man umso überzeugender geben, wenn man sich schon im Vorfeld der eigentlichen Degustation des Weines mit den entsprechenden Insignien des Eingeweihten umgibt. Innerhalb dieses Showdowns kommt dem Korkenzieher und seinem professionellen Einsatz eine zentrale Rolle zu.
Korkenzieher mit Stil
Hier einen handelsüblichen, tausendfach bewährten Korkenzieher aus der Eisenwahrenabteilung des Kaufhauses zum Einsatz zu bringen, wäre ein wahrer Akt des Kulturbolschewismus und bedeutete für manchen Weinliebhaber das Ende der abendländischen Kultur. Nein! Es muss schon etwas Ausgefallenes sein in Form, Material oder Funktion, das durch seinen Besitz allein schon den Besitzer adelt und dem Wein ein imaginäres Gütesiegel verleiht: Ein Tire Bouchon Grand Cru – ein großes Gewächs also.
Alle Designer haben sich den Korkenzieher schon vorgenommen. Zunächst gibt es verschiedene Materialien, wobei das Herz, die eigentliche Spindel immer aus Metall ist. Aber die Griffschalen gibt es in allen Varianten – von Vulkanstein über Perlmutt und Edelstahl bis zu Rosen- oder Rebholz. Wichtig ist die glatte Oberfläche, denn der Korkenzieher wird oft als Handschmeichler zweckentfremdet. Bevor es noch zur eigentlichen Weinprobe kommt, wird er herumgereicht und seine Anschmiegsamkeit mit Aaaahs und Oooohs bedacht. Die Technik des - pardon - "Deflorierens" ist das zweite Experimentierfeld des Korkenzieher-Designer.
Den Korken mit Ziehen oder Drehen öffnen?
Breiter Beliebtheit erfreut sich der Drehkorkenzieher, bei dem nach dem Eindrehen des Dorns die Schraubbewegung umgekehrt wird und der Korken mit minimalem Kraftaufwand aus dem Flaschenhals entfernt wird; vor allem beliebt bei Menschen, die nicht so sehr auf Bizeps setzen. Die Variante mit den Griffen, die sich beim Eindrehen des Dorns abspreizen und dann unter Ausnutzung der Hebelgesetze das zylindrische Korkeichenrindestück evakuieren ist ebenfalls längst international etabliert. Technikfreaks schrecken auch nicht vor elektrisch betriebenen Varianten zurück.
Für Überraschung und Showeffekte sorgt auch die Überdruck-Variante. Mittels einer Art Kanüle, die durch den Korken gestochen wird, iniziiert man sozusagen Überdruck in der Flasche, die den Korken letztendlich zum Verlassen des Flaschenhalses zwingt; streng genommen handelt es sich hierbei aber nicht um einen Korkenzieher, sondern eher um einen Korkenschieber. Am weit meisten verbreitet dürfte aber das klassische Kellnerbesteck sein, mit dem man ob seiner einfachen wie genialen Funktionsweise vor keinem Korken kapitulieren muss.
Text: Roger Schmidt - Artikel vom: 16.03.2007