Schriftliche Überprüfung Heilpraktiker Psychotherapie

Menschen, die als Psychotherapeut nach dem Heilpraktikergesetz arbeiten wollen, müssen zuvor eine schriftliche und meist noch eine mündliche Überprüfung bestehen. Da diese Überprüfungen meist sehr schwer sind, gibt es bundesweit Vorbereitungskurse zum Heilpraktiker Psychotherapie.

Oft werden in der schriftlichen Überprüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie Fragen zu verschiedenen psychotherapeutischen Begriffen gestellt, wie zum Beispiel zum Begriff der Kollusion. Im Oktober 2004 lautete eine Prüfungsfrage der schriftlichen Überprüfung zum Heilpraktiker für Psychotherapie:

Einfachauswahl

In einer Paarbeziehung agieren zwei Partner nach einem gemeinsamen Schema, dass ihnen nicht bewusst ist (z.B. nach der Regel: „Wir sind füreinander da, nehmen Rücksicht aufeinander und stimmen alles, was wir tun, auf die Bedürfnisse des anderen ab.“) Wenn sich in einer solchen Konstellation die Partner in ihren wechselseitigen neurotischen Befürchtungen verstricken, bezeichnet man dies als:

A) Doppelbindung
B) Gegenübertragung
C) Gruppenkohäsion
D) Kollusion
E) Konvention

Die richtige Antwort lautet: D) Kollusion.

Aber was genau ist das?

Das Konzept der “Kollusion” wurde vom deutschen Psychoanalytiker Jürg Willi entwickelt. Es geht dabei um Partnerwahl und -konflikte, bei denen unbewusste innere Anteile eine wichtige Rolle spielen. Wichtig sind dabei die Begriffe "Abgrenzungsprinzip" (Austausch und Abgrenzung der Partner gegenüber einander und der Umwelt), Regression-Progression (das Zeigen von kindlichen und erwachsenen Zügen) und Kollisionstypen:

Abgrenzungsprinzip: Beim Abgrenzungsprinzip sind Partnerschaften “gesund”, wenn sie durchlässige Grenzen zur Außenwelt und nach innen haben und dadurch Austausch stattfindet. Bei “gestörten” Partnerschaften herrschen nach innen oder außen zu rigide Grenzen vor (kein Austausch mehr möglich) oder aber die Grenzen sind so diffus, dass der Einzelne keine eigenständige Persönlichkeit mehr ist (z.B. “Wir essen gern Pasta. Stimmt’s Schatz?!”)

Regression-Progression: Ein gesunder Mensch hat viele Verhaltensmöglichkeiten (Tendenzen): Er kann z.B. mit “kindlichen” Bedürfnissen umgehen, wie dem Bedürfnis nach Schutz, Zärtlichkeit, Abhängigkeit und Geborgenheit; kann diese dem Partner gegenüber äußern und sich ihnen hingeben (regressive Verhaltensweisen).

Er kann aber auch “erwachsenes” Verhalten zeigen, wie Schutz geben, Stärke zeigen, sich durchsetzen und damit regressive Bedürfnisse des Partners erfüllen (progressive Verhaltensweisen).

Der “neurotische” Mensch verfügt nur über wenige Verhaltensweisen (Position) und verhält sich entweder dauerhaft regressiv oder progressiv. Nach Willi gehen vorzugsweise ein regressiver Typ und ein progressiver Typ eine Partnerschaft ein: Sie können so ihre eigene Position halten und werden darin vom Partner unterstützt; gleichzeitig können sie eigene verdrängte gegensätzliche Anteile auf den Partner projizieren.

Willi unterscheidet 4 Kollisionstypen

(In Anlehnung an das psychoanalytische Phasenmodell)
Verhalten Partner (A) und Partner (B)

Narzisstische Kollusion:
(A) egozentrisch, dominant, grandios
(B) bewundert, verschmilzt mit (A) Selbstaufgabe, Idealisierung

Orale Kollusion:
(A) ist fürsorglich, überbehütend
(B) ist pflegebedürftig, unselbständig

Anal-sadistische Kollusion:
(A) ist mächtig, autonom, aktiv
(B) ist passiv, gefügig

Phallisch-ödipale Kollusion:
(A) verkörpert männliche Rolle
(B) verkörpert weibliche Rolle

Jede Paarkonstellation beginnt damit, dass sich beide Partner ergänzen und jeder den bestmöglichen Nutzen aus der Beziehung zieht. Aufgrund zu-nehmender Polarisierung werden die Verhaltensweisen extrem überzogen und da keiner der Partner die jeweils anderen Verhaltensweisen zeigen kann, ergibt sich eine Beziehung, bei der jeder Partner den anderen braucht, gleichzeitig sich aber beide Vorwürfe machen und unzufrieden sind.

Eine Kollusion ist dabei den Partnern unbewusst, sie verstricken sich zunehmend darin, weil sie versuchen, ihren Grundkonflikt durch den anderen zu lösen und diese Lösung scheitert. Droht durch diese Verstrickungen die Partnerschaft zu scheitern, dann wäre eine Paarberatung oder eine Paartherapie in einer Psychotherapie Praxis eine sinnvolle Unterstützung, dazu sollte der Heilpraktiker für Psychotherapie eine Ausbildung in einem Therapieverfahren absolviert haben, zum Beispiel die Ausbildung in Integrierender Psychotherapie.

Text: Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut Norman Ehlert
Artikel vom: 18.09.2006