Das Individuelle in der Religion kann man auch noch anders sehen. Wo es um Masse geht - auch religiöse Menschenansammlungen sind Masse - , darf man nach allen Erfahrungen,. die wir nun schon seit mehr als hundert Jahren machen konnten, etwas skeptisch sein. Wer sich seine kritische Sicht nicht abgewöhnt hat, dem wird es nicht allzu schwer fallen, zu erkennen, dass bei einer Massenveranstaltung das Erleben von Masse Mensch umgekehrt proportional zum Denken steht. Zur abendländischen Geschichte der Religion gehört nun aber auch das Denken, sonst gäbe es keine Theologie. Gäbe es nur die Begeisterung und das Gefühl, für das sich jederzeit leicht ein Bekenntnis findet, dann hätten wir die „Theomanie“. Da den christlichen Kirchen wegen ihrer Opposition gegenüber den modernen Wissenschaften und der Aufklärung der Neuzeit der Geruch des Zurückgebliebenseins und des etwas Dümmlichen anhaftet, sollten wir allem gegenüber, was nicht viel Geist zeigt, uns skeptisch und distanziert verhalten vor allem, weil der Schritt zur Manipulation und Unfreiheit dann auch nicht mehr weit ist. Das Denken ,der Verstand und der Geist, der bekanntlich weht, wie und wo er will, muss neben allem, bei dem man sich gefühlsmäßig ergehen kann, eine gleichrangige Rolle spielen, andernfalls werden Menschen, vor lauter frommer Begeisterung, leicht kindlich Und das wirkt peinlich..

Wie zu einer Regierung die Opposition gehört, so zum Gefühl der Verstand, zur Religion die Theologie, zum Glauben das Denken und zur Begeisterung die Überlegung. Mut muss man haben, den eigenen Verstand zu gebrauchen, und das auf allen Gebieten des Lebens. Deshalb darf es in der Religion auch keine künstlich errichtete Grenze des Denkens mehr geben. Es gibt nur solche, die unsere Endlichkeit setzt. Künstliche Grenzen sind immer nur Hindernisse, die eines Tages fallen wie die Berliner Mauer , und dann schämt man sich, dass es so etwas gegeben hat. Siehe „Der Fall Galilei“, der hier für viele andere stehen soll. Deshalb dürften unangenehme Kirchenkritiker in Unterhaltungen, auf Lehrstühlen, Kanzeln wie auf Kirchentagen der Religion dienlicher sein als begeisterte Journalisten, die sich an ihren eigenen Produkten berauschen und so über Probleme hinwegtäuschen. Wo wären wir heute ohne die Ketzer ? - Es ist keine Frage, dass die Religionen insgesamt und somit auch die Kirchen sich in einer tiefen Krise befinden . Deshalb ist auch eine gründliche Rückbesinnung angebracht. Alle Religionen sind unter den Bedingungen antiker Kulturen entstanden und wurden im weiteren Verlauf der Geschichte auch von dieser Herkunft bestimmt. Ihrerseits haben auch die Religionen wiederum die weitere Geschichte wesentlich beeinflusst und fast alle Lebensbereiche geprägt.

Letzteres hat sich im Laufe der Neuzeit und Moderne geändert, in Europa wie weltweit. In der westlichen Welt geschah dieser Veränderungsprozess in Etappen. Ausgelöst wurde dieser Prozess durch das Entstehen der neuen Wissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert, die im Laufe der ganzen Neuzeit und Moderne immer zahlreicher wurden. Es ist müßig sie alle aufzuzählen. Die Wissenschaften führten zur Technik, und diese bestimmt unseres Leben vom Morgen bis zum Abend und auch noch in der Nacht. Ohne Wissenschaft und Technik würden viele von uns nicht leben. Wissenschaft und Technik haben unser heutiges Leben ermöglicht und sie erleichtern es auf vielfältige Weise. Gewiss gibt es auch negative Seiten, vor allem durch die Technik. Aber was ist denn nur positiv? Trotz der negativen ökologischen und sozialen Probleme, die beide regionale wie globale Folgen haben, ist die Menschheit überzeugt, dass Wissenschaft und Technik einen Fortschritt in Richtung von Wohlstand und Freiheit für den Einzelnen wie für die Menschheit gebracht hat. Dass viele Länder noch nicht an diesem Fortschritt teilhaben, ist ein politisches Problem, das genauso lösbar ist wie die Probleme der Ökologie.

Als Schlussfolgerung aus diesem Hinweis auf die Wissenschafts- und Technikgeschichte können wir festhalten: Die Zivilisation der Neuzeit und Moderne haben die Gesellschaften als Ganzes wie den Einzelnen von vielen Daseinszwängen und Belastungen befreit und ein Leben in Freiheit ermöglicht, von dem frühere Epochen nicht zu träumen wagten. Auf dieser Grundlage konnte sich auch eine geistige Emanzipation entfalten. Diese geschichtliche Erfahrung soll auch in Hinblick auf andere Kulturen bedacht werden. Zwischen diesen und dem sogenannten Westen besteht ein erhebliches technisch-kulturelles Gefälle, das zu vielfältigen Verständnisschwierigkeiten führt. Diese zu überwinden, ist heute wie in Zukunft die Aufgabe aller.

Fragt man sich, was kann der Ausgangspunkt sein kann, damit Menschen verschiedener religiöser Kulturen sich verstehen und trotz aller Verschiedenheit eine Gemeinsamkeit des Zusammenlebens finden, so kann man gewiss allerlei große wie kleine Aktivitäten kirchlicher, staatlicher und solche von freien Organisationen anführen. Die sollen in keiner Weise herabgesetzt werden. Diese verdienen große Anerkennung. Aber das eigentliche Verstehen, das Erfahren und Begreifen, was eine ganze Kultur oder auch einen Einzelmenschen ausmacht, geschieht im Dialog. Nur ist nicht jegliches Reden ein Dialog. Was ein Dialog ist, will überlegt sein. Es ist notwendig über den Dialog zu reflektieren, weil er das eigentliche Mittel ist, menschlichem Zusammenleben die Grundlage zu geben, auf der alle weiteren ethischen Ziele verwirklicht werden können.

Zum Dialog sind alle Menschen begabt durch die Sprache. Der Dialog kennt keine Bedingung, er selbst ist Bedingung. Der Dialog ist immer möglich, seine Grenze ist die Sprachlosigkeit. Dialoge werden geführt auf gleicher Augenhöhe, nicht von oben herab. Zum Dialog gehört die Bescheidenheit, denn unser Wissen ist immer Stückwerk. Der Dialog will nicht unbedingt überzeugen, Neugierde steht ihm besser. Der Dialog soll hinführen zur Sache, weil sie allein entscheidet über Wahrheit und Irrtum. Die Wahrheit ist nie unser Besitz, im redlichen Austausch können wir uns ihr nähern. Macht und Gewalt sind Feinde des Dialogs, er allein stiftet Frieden. Im Dialog wächst die Erkenntnis, denn alle Erkenntnis entsteht dialogisch. Der Dialog vollendet sich im Interesse, in ihm weiß sich der Partner ernst genommen. Durch das Interesse im Dialog wird die Toleranz zur Nähe des Miteinander.

Alle Hochreligionen existieren in Sprache. Ihre Grundlagen sind Texte, die man liest, und über die man spricht. Ihr Beten als ein Bewusstwerden ihrer selbst vollzieht sich in Sprache. Dann kann doch auch das Verhältnis der Religionen zueinander nur ein sprachliches, d.h. dialogisches sein. Was die Religionen in ihrem jeweiligen Selbstverständnis wie auch in ihrem Verhältnis zueinander – vor allem im Blick auf Zukunft - betrifft, brauchen sie ein neues Verständnis ihrer selbst, eine neue Zielvorstellung, ein n e u e s  P a r a d i g m a: nicht mehr das der abgrenzenden Identität, sondern das des Gemeinsamen im Dialog.
Dieser kann immer nur Gewinn sein; denn der Dialog bereichert unsere Kenntnisse über andere Lebenswelten . Sind doch die Religionen Jahrtausende alte Lebensformen mit einer reichen Geschichte von Lebenserfahrungen. Sie kennen zulernen lässt uns tiefer begreifen, was Menschsein mit allen Idealen und Abgründen war, ist und sein kann. Hier gab es große Zeiten wie auch solche der Verflachung und des Niedergangs. Man kann erkennen, wie die Religion Menschen sowohl dumm wie auch in hohem Maße intelligent zu machen vermag.

Wenn es um die Situation der Religionen von heute geht, dann kann es sich nicht um ein reines Konstatieren dessen handeln, was in der Geschichte war und der Gegenwart ist. Die Religionen der Griechen, Römer, Ägypter und Germanen können als etwas Abgeschlossenes beschrieben werden. Sie gehören der Vergangenheit an. Geht es jedoch um die Religion heutiger Gesellschaften, dann haben wir nicht etwas Statisches vor uns. Religionen der Gegenwart sind dynamische Gebilde, sie befinden sich im gegenwärtigen Vollzug. Es geht um ein Wirken und Werden, um etwas Lebendiges, also nicht um ein „bloßes Sein“, eher um ein Sollen und Wollen. Bei allem Beschreiben ist das, worum es geht, in die Art des Beschreibens aufzunehmen, d.h. man soll die Religionen in ihrem Misslingen und Gelingen sehen. Deshalb sind sie kritisch zu sehen. Man soll sie an ihre Verpflichtungen und Aufgaben erinnern, sie messen an dem, was sie sollen und wollen. Sind sie doch ein Aufruf zur Tat.
Und das Allererste, worauf sich die Religionen besinnen sollten, ist die Bereitschaft und der Schritt hin zum Dialog.

Text: Werner Wagner -Artikel vom: 09.08.2006