Über die Fülle der Erwartungen, national wie global, müssen wir uns verständigen, und das angesichts der Breite des Erwartungshorizontes, der Verschiedenheit der religiösen Kulturen, der Verschiedenheit der Lebensläufe und Ideologien der Beteiligten und in der Einsicht, dass wir die Gegenwart wie auch die Zukunft nur meistern können, d.h. nur zu überleben vermögen, wenn wir eine von allen akzeptierte Basis der Verständigung finden. Wie sollen wir zueinander finden, wenn wir nicht in allen Religionen die Forderung verbreiten, dass wir, statt alles Mögliche und Unmögliche zu tun, zuerst miteinander reden müssen.. Was alle ohne Vorbehalt und irgendwelche anderen Bedingungen gelten lassen können, ist die eigentlich selbstverständliche Voraussetzung, dass wir nämlich in der Weise reden, dass jeder seine Gedanken äußern darf und darin ernst genommen werden muss. Durch Miteinander-Reden lässt sich alles erreichen. Jeder kann so zu seinem Recht kommen. Wer meint, mit Gewalt könne man Recht schaffen, der redet in Wahrheit von einem Pseudorecht und fordert zu weiteren gewalttätigen Auseinandersetzungen heraus. Der bedingungslose Dialog, der ganz unten beginnt, vermag, wenn er eine Breitenwirkung erreicht hat, den Boden für große Aktionen zu bereiten. Das ist ähnlich wie bei Städtepartnerschaften, Jugendaustausch, Brieffreundschaften und all den Aktionen, die Menschen persönlich zusammenführen. Am Ende können dann Vereinbarungen getroffen werden. Diese müssen aber untermauert werden durch vielfältige Begegnungen der Menschen, sonst „hängen die Abmachungen in der Luft“.

Das Projekt „Weltethos“, das einen Grundkonsens verbindlicher Normen und Haltungen  (Frieden, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Pluralität, Solidarität, Verantwortung für Mitwelt, Umwelt und Nachwelt ) herbeiführen will, oder das “ Parlament der Weltreligionen “ mit seinem Versuch, die zentralen ethischen Grundsätze der Religionen der Welt zusammenzufassen, wie auch die „Konziliare Bewegung“ mit ihren Zielen ( Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung) , alle diese lobenswerten Bemühungen werden nur dann Erfolg haben, wenn sie über eine breite Basis eines lebhaften Dialogs der Religionen untereinander verfügen. Das erscheint so einfach, fast möchte man sagen, kindlich. Die rein humanen wie auch die religiös begründeten Forderungen, denen entsprechend man zwischenmenschliche Konflikte regeln soll, sind immer einfach. Es bedarf keiner großen Erörterung, was im Extremfall als Devise oder Maxime bestimmend sein soll: Friede, sonst nichts !- Da heute für nicht wenige Politiker – leider nicht für alle - die Gewaltvermeidung Priorität hat, ist so manche kriegerische Auseinandersetzung in unserer Gegenwart bereits vermieden worden. Gewaltanwendung ist und bleibt eine Scheinlösung, die nur für den Augenblick gilt. Verhandlungen sind immer besser. Allerdings ist der Dialog nichts für Kleingläubige.

Die Religionen können gewiss nicht die Politik ersetzen; das sollten sie auch nicht versuchen. Sie können aber ein neues Verhalten predigen, durch das Paradigma des Dialogs eine grundsätzliche Basis der interreligiösen Verständigung schaffen, oder wenigstens anfangen, so etwas anzustreben. Vielleicht sind nur die Religionen in der Lage, indem sie miteinander agieren, ein Klima zu schaffen, in dem Konflikte jedweder Art leichter zu lösen sind. Man soll ernsthaft darüber nachdenken und sie zu einem entsprechenden Handeln herausfordern. Die Religionen könnten eigentlich viel mehr für die Menschheit tun, als ihnen, wie es scheint, bewusst ist. Das Projekt „Weltethos“, die „ Konziliare Bewegung“ wie auch die kirchlichen „Denkschriften“ spielen im Bewusstsein der Religions- sowie Kirchenanhänger eine viel zu geringe Rolle, was deshalb nicht so bleiben darf, weil das eigentliche Kapital verschleudert wird. Den genannten Programmen fehlt die Diskussion über ihre jeweiligen Inhalte in den Gemeinden. Der innerkirchliche Dialog wie auch der Dialog zwischen den Religionen sind das Eingangstor für alles, was Religionen mit ihren Programmen und Zielsetzungen erreichen wollen. Das muss endlich klar werden!

 Der Papst hält mit seiner Enzyklika „Deus caritas est“ einer Welt voller Gewalt die Alternative, nämlich das Gebot der Liebe als Zielvorstellung, entgegen. Auch hier gilt: als Erstes muss die Bereitschaft zum Dialog da sein. Der Dialog entsteht ganz ursprünglich in unserer menschlichen Entwicklung, die sich im Miteinander vollzieht und wesentlich eine sprachliche Gestalt hat. So hat durch die Sprache unser menschliches Miteinander einen bleibenden dialogischen Rahmen. So ist es vom Anfang unserer Bewusstwerdung bis zu ihrem Ende. Deshalb können wir jetzt einen Sprung machen und sagen: Der Dialog ist auf allen Ebenen von Gesellschaft, Religion und Politik der Ausgangspunkt für alle Aktivitäten. Erst müssen wir voneinander erfahren, was wir jeweils wollen, und dann erst kommen all die hehren Ziele. In Westeuropa ist durch die säkularisierte Sicht der Welt das Bild der Religion verblasst und ihr Einfluss auf die gesamte Kultur sehr geschwächt worden. In der gegenwärtigen Begegnung mit den vom Islam bestimmten Ländern und den bei uns lebenden Moslems wird uns die Bedeutung der Religion ganz neu bewusst. Wir werden, weil wir in arabische oder andere moslemische Länder reisen und auch hier bei uns Muslimen begegnen, gezwungen, diese in ihrem Denken zu verstehen, auch ein Interesse für sie zu entwickeln. Denn wenn man einigermaßen vernünftig zusammenleben will, dann muss man versuchen, sich in den andern hineinzudenken. So entsteht zwangsläufig der Dialog im Alltag. In diesen Dialog hat jeder Gesprächpartner etwas einzubringen. Was Vertreter außerbiblischer Religionen einzubringen haben, wollen wir ihnen nicht besserwisserisch und vorwegnehmend sagen. Dass sie Bedeutsames zu sagen haben, ist selbstverständlich. Interessierte Offenheit gegenüber dem Gesprächspartner und sich selbst in Frage stellen zu lassen, schaffen ein gelöstes Gesprächklima.

Wir haben eine lange Freiheitsgeschichte hinter uns und können in dieses Gespräch das Bild eines selbstbewussten Glaubenden einbringen. Dabei liegt der Akzent auf dem Religiös- Individuellen. Wer von uns sich so nicht sehen kann, ist noch nicht in der Gegenwart unseres westlichen Religionsverständnisses angekommen. In den moslemischen Ländern sehen sich dagegen nicht wenige Menschen noch stark in Kollektivbezügen, sodass freiheitliche Lebensgestaltungen wie ein Ausbrechen, am Ende vielleicht sogar wie ein Verrat an der eigenen Kultur erscheinen. In einer modernen Gesellschaft lebt man mehr auf sich gestellt. Das ist nun einmal so. Ein Schritt hin zu mehr Individualität und Eigenständigkeit, auch im religiösen Selbstbewusstsein, ist im Islam nicht nur möglich, sondern heute auch schon wirklich. Moslems, die so leben, d.h. aufgeschlossen sind und freiheitlich denken, sind bei uns in den Wissenschaften, im Journalismus, im Geschäftsleben, in Dienstleistungen usw. anzutreffen. Diesen Menschen darf man nicht diskreditierende Fragen stellen. Ihnen mit Sympathie zu begegnen, schafft Integration, die ja schließlich eine Notwendigkeit für unser aller Zukunft ist. Sich auf gleicher Augenhöhe zu begegnen, nicht mit dummen Fragen von vorgestern zu kommen, dabei immer bereit sein zu einem zwanglosen Gespräch, das schafft Atmosphäre für einen Optimismus mit Zukunft. Wir erwarten im Gespräch von unseren muslimischen Mitbürgern Verständnis für unsere kulturellen Gegebenheiten. Dann ist aber auch von uns eine solche Aufmerksamkeit verlangt, die wahrnimmt, dass der allergrößte Teil der bei uns lebenden Muslime – das meint, fast alle, und mehr kann man nicht verlangen - Terror radikal ablehnt, und wir uns das Bild des Islam nicht von den Medien, die fast immer nur das Spektakuläre und Gewaltszenen darstellen, als die Wahrheit liefern lassen. In Bezug auf den Islam sind wir manipuliert!

Weitverbreitet ist in moslemischen Ländern dem Westen gegenüber eine ablehnende Haltung, die sich bisweilen bis zur Feindschaft steigert. Ohne Zweifel verbirgt sich dahinter neben anderem auch Angst, die Angst vor Veränderungen, und damit einhergehend, vor Verlust, was zu einem Teil ja auch zutrifft. Wissenschaft und Technik haben die Welt entzaubert und zu einem völlig neuen Verständnis der Wirklichkeit geführt. War das ganze Weltbild bis zur Aufklärung in der Neuzeit von der Transzendenz und dem, was nach dem Tode kommt, bestimmt , so danach von der Immanenz, dem Irdischen, dem gegenwärtigen Leben.. Deshalb geht es jetzt nicht mehr in erster Linie um Gott, sondern um die irdischen Dinge. Dabei haben sich auch Religion und Theologie verändert. Das Projekt „Weltethos“ wie auch die „Konziliare Bewegung“ sind dafür kennzeichnend. Ganz in dieser Linie entstand im letzten Jahrhundert so etwas wie eine „ Theologie der Genitive“, d.h. nicht so sehr Göttliches, sondern Weltliches wird religiös bedacht. So wurde entwickelt: eine „Theologie irdischer Wirklichkeiten“, eine „Theologie der Befreiung“, eine „Theologie des Laientums“ und eine „politische Theologie“. Dabei wollen diese Theologien keine Welterklärung mehr sein. Das ganze Gebiet der natürlichen Gegebenheiten ist alleine Aufgabe der Wissenschaften, welche die Zusammenhänge der natürlichen Welt auch weit besser erklären können, als dies religiöse Denkmodelle vermögen. In der Religion und Theologie von heute geht es um Fragen unserer individuellen wie kollektiven Lebensverwirklichung, d.h. um unsere Existenz, und nicht um das, was Biologie, Astrophysik und Paläontologie zu sagen haben. Die Sinnfindung ist jenseits dieser Wissenschaften angesiedelt. Es geht um die Frage unserer Endlichkeit und wie wir damit leben. Daraus ergeben sich die eigentlichen Fragen der Religion der Gegenwart wie auch die unserer Zukunft.

Text: Werner Wagner - Artikel vom: 09.08.2006

Weiter auf Pfeil [Seite 1] - [Seite 2] - [Seite 3] - [Seite 4] - Seite 5 - [Seite 6] - [Seite 7]