Aus unserer abendländischen Erfahrung, können andere religiöse Kulturkreise, hier vor allem jetzt der moslemische, erkennen, dass die unsere Säkularisation verursachenden Wissenschaften die Religion keineswegs unnötig machen, sondern nur verändern. Diese Wissenschaften bleiben notwendig und dringlich, um Aufgaben zu erfüllen wie auch Fragen zu beantworten, die eine technisierte Welt uns heute stellt. Auch der Islam ist fähig, auf dem Boden von Wissenschaft eine zeitgemäße religiöse Kultur zu entwickeln, vergleichbar der biblischen Religion mit den sie prägenden Einflüssen einer zweitausendjährigen Geschichte. Die Kulturleistungen des Islam im Früh- bis zum Hochmittelalter sind ein deutlicher Beweis für die kulturbildende Kraft dieser Religion. In der genannten Zeit verlief das kulturell-zivilisatorische Gefälle vom Morgen - zum Abendland. Muslimische Gelehrte haben die griechische Philosophie weiterentwickelt und dem Westen überliefert. In der Medizin waren muslimische Ärzte unsere Lehrmeister. Einige noch heute gebräuchliche Begriffe stammen aus dem Kulturkreis des Islam: Admiral, Alchimie/Chemie, Alkohol, Algebra, Benzin, Fakir, Haschisch, Kabel, Kaffee, Kaliber, Arsenal, Laute, Risiko, Scheck, Sirup und Zucker. Dieser oberflächliche Hinweis mag genügen. Er sei erwähnt, um den Dialog in einem größeren historischen Zusammenhang zu sehen. Auf das, was schon einmal Wirklichkeit war und deshalb heute möglich ist, sollten sich alle Muslime besinnen. Das würde ihnen helfen, ihre Religion entsprechend der heutigen Situation zu verstehen und zu leben. Und wenn heute die Muslime von uns lernen können, dann sollen sie wissen, dass wir im Mittelalter einmal von ihnen gelernt haben. Der Westen hat bei diesem Lernen im Mittelalter keinen Gesichtsverlust erlitten, und heute verlieren die Muslime, denn sie von uns lernen, d.h. in einen Dialog mit uns eintreten, auch nicht ihr Gesicht.
Wenn sich das Zusammenleben in Verschiedenheit im Alltag vollzieht, dann führt das nicht nur zu einem tieferen Bewusstwerden des eigenen Lebensverständnisses, der oder das Fremde wird in seiner Andersartigkeit geradezu interessant, und die neue Erfahrung, die ja eigentlich eine zweifache ist, kann als Bereicherung in das eigene Leben integriert werden. Angst vor Identitätsverlust ist dann geradezu lächerlich. Gewiss ist der kulturell-religiöse Dialog, auch die alltägliche Begegnung, nicht etwas, was schon seine Erfolge zwischen zwölf Uhr und Mittag zeigt. Ein etwas längerer Atem ist hier nötig. Dennoch gilt die Erfahrung, wo Menschen, die miteinander konkrete Probleme und Alltagssorgen haben, sich gutwillig und offen begegnen, da findet gewöhnlich auch ein ehrliches Gespräch statt, so nach dem Motto,“ wir beide sind doch vernünftige Menschen und können miteinander reden und uns verstehen“, und dann spricht man zwanglos miteinander. Wenn sich Menschen in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz oder einfach gelegentlich begegnen und vernünftig miteinander reden, ein ehrliches Interesse füreinander zeigen, dann beginnt da ganz zwanglos ein Dialog, evtl. auch über religiöse Fragen, der zur Basis einer Religionsverständigung werden kann. Wenn diese Basis nicht von unten, d.h. durch die vielen Begegnungen geschaffen wird, dann bleiben die Dialoge auf Weltebene isoliert. Man kann auch sagen: Ohne diesen soliden Unterbau gibt es keinen Überbau.
Zugegeben, diese Sicht mag utopisch sein, sie ist aber nicht illusorisch. Alles Fundamentale und alle großen Ziele, die menschheitsbewegend sind, sind utopisch. Sie sind aber keine illusorische Phantastereien. Das Utopische bewegt uns, vielleicht sogar tief innerlich und lässt uns keine Ruhe.. Wir sind niemals am Ziel, wir besitzen nicht das, worum es geht, wir haben immer nur Teile. Gerechtigkeit, Friede, auch Demokratie, Liebe, Wahrhaftigkeit, das alles gibt es, wie es auch fehlt. Auf all das wollen wir aber keineswegs verzichten! Auch suchen wir Sinn und den in allem Unsinn. Die hehren Ziele bewegen uns, wir streben nach ihnen, versuchen sie zu erreichen. Wir besitzen sie aber nie, und wenn, eben immer nur in Bruchstücken. Die eigentlichen Ziele unseres Lebens sind wie Träume. Auch die Bergpredigt ist so ein Traum. Helmut Schmidt hat gesagt, man könne ohne sie nicht regieren. Wie wäre es, wenn wir diese Traumziele nicht hätten? Der Dialog der religiösen Kulturen ist auch ein utopisches Ziel, das um der Religion und des Friedens willen uns alle bewegen sollte. Auch hier ist es wie bei allen Utopien: Einiges erreicht man. Der Dialog ist möglich, doch Spannungen bleiben, so dass man sich immer um das Dialogklima mühen muss. Dass es an diesem guten Willen fehlt, ist weltweit bekannt. Das muss aber nicht so sein. Die Utopie des Dialogs als neues Paradigma führt weiter.
Die Religionen können sich verstehen und miteinander wie Partner leben. Dazu ein Beispiel, das zwar nur das Verhältnis der zwei Konfessionen, das von Protestanten und Katholiken beleuchtet, also innerhalb einer Religion bleibt, aber dennoch in etwa eine mögliche Entwicklung aufzuzeigen vermag. Es gab Zeiten, und diese sind noch nicht einmal so lange her, da gab es zwischen den beiden Konfessionen in unserem Land ganz große Berührungsängste. Diese spielen heute nur noch auf hoher und höchster Ebene eine Rolle. Trauergottesdienste sind ökumenisch. Gemeinsame Abendmahlsgottesdienste bleiben von katholischer Seite aus verboten. Wenn der Papst eine Bischöfin treffen soll, dann ist plötzlich der „kleine Unterschied“ ganz groß. Auf der Ebene der sogenannten Laien ist das vielfach ganz anders, ausgenommen sind hier die absolut konservativen Fundamentalisten. Evangelische wie katholische Christen gehen zu evangelischen wie katholischen
Kirchentagen, wobei von beiden Seiten nur noch das akzeptiert wird, was dem Gottvertrauen, der Lösung der sozialen Aufgaben und dem Zusammenleben aller Christen förderlich ist. Das Religionsgespräch kennt auf der Ebene des religiösen „Normalverbrauchers“ keine typisch konfessionellen Abgrenzungen. Es gibt zwar verschiedene Akzentsetzungen, die aber meist noch nicht einmal konfessionsspezifisch sind. Auf dieser Basis hat sich alles normalisiert.
Dahin zu kommen, war für unsere Verhältnisse ein langer Prozess, der sich auf unterer und mittlerer Ebene, unterstützt von intelligenten Außenseitern, vollzogen hat. Deshalb versteht sich heute das Kirchenvolk sehr gut und hat für die sogenannten theologischen Probleme, die für Bischöfe „einen hohen Stellenwert haben“, kaum Verständnis. Sollten sich diese jetzt noch unlösbaren Konfessionsfragen einmal lösen, was nur noch eine Frage der Zeit ist, und man sich auf gleicher Augenhöhe in gegenseitiger Anerkennung begegnen, dann hat man von unten, vom „Volk Gottes“ her, gute Arbeit geleistet.
Für den interkonfessionellen Dialog war gewiss zunächst einmal der gute Wille, aufeinander zugehen zu wollen, nötig; man wollte schließlich friedlicher zusammenleben, ohne die belastenden sozialen Schranken (es sei nur erinnert an das Problem der Mischehen). Daneben entwickelte sich auch ein gegenseitiges Interesse. Man wollte sich besser kennen lernen. So entstand dann neben den ökumenischen Gesprächskreisen sogar ein neues Fachgebiet: die Kontroverstheologie. Es war gewiss nicht die schlechteste „theologische Erfindung“. Was den alltäglich sozialen Kontakt zwischen Muslimen und Christen betrifft, so ist dieser nicht allzu verschieden von dem Verhältnis zwischen den christlichen Konfessionen in früheren Zeiten.. Da gab es auch Unterschiede in den Speisegeboten, im Karneval-Feiern, im Friedhofs- und Schulwesen sowie in der Praxis kirchlichen Lebens, angefangen beim Kirchgang am Sonntag bis zum Feiern der Geburts- und Namenstage. Was den interreligiösen Dialog angeht, der gleich dem interkonfessionellen im Alltag stattfinden kann, so ist die Situation der Muslime und anderer Religionsgruppen ähnlich der zwischen Katholiken und Protestanten. In gewissen Bildungszentren werden mannigfache Möglichkeiten zum Dialog geboten. Weiterhin gibt es eine große Anzahl an allgemeinverständlicher Literatur über die jeweilige andere Religion. Wir müssen also, um mit Kant zu reden, nur Mut haben, unseren Verstand zu gebrauchen.
Ab- und Ausgrenzungen haben keine Zukunft mehr, dafür sorgen die zunehmende Internationalisierung und Globalisierung. Eine politisch-kulturelle Identität vermag sich da humaner, d.h. weniger krampfhaft zu entwickeln als in der vergangenen Zeit, die von aggressiver Außenpolitik beherrscht war. So haben wir heute zunehmend kein sich abhebendes, sondern ein einschließendes, d.h. eineuropäisches Nationalbewusstsein. Das ist ähnlich wie bei einem Kind, das sein Ichbewusstsein aus der Erfahrung mit dem Du im alltäglichen Gegenüber – der Mutter - gewinnt. Vergleichbares kann auch zwischen den Weltanschauungen, Religionen und Konfessionen stattfinden. Dann ist es ganz normal, dass Identität immer wieder gelebt und erfahren wird in der Nichtidentität. Und der Gedankenaustausch – die Erfahrung der Nichtidentität in der Identität - oder Dialog ist eine ganze normale Form im Miteinander des Lebens. Zwar ist die Vision für die Zukunft jetzt noch völlig utopisch, aber dennoch ist es für ein vernünftiges Denken möglich, dass der Religionsdialog von unten, wenn auch vielleicht nicht kurzfristig, aber dennoch in erlebbarer Zukunft dahin führen wird, dass Katholiken mit Protestanten und ebenso umgekehrt miteinander Abendmahl feiern. Und weshalb sollen nicht Juden mit Christen Weihnachten und Christen mit Juden Passah begehen ? Die Erinnerung an eine Befreiung aus Knechtschaft ( in Ägypten ) ist allemal eine gemeinsame Feier wert. Und wenn alle zusammen sich mit Muslimen im Fastenbrechen begegnen, lässt uns alle Solidarität erleben .Und was bringt diese Utopie für uns jetzt? Die Aussicht auf die genannte Gemeinsamkeit des Feierns verändert die Atmosphäre bei uns zum Besseren, was unbedingt notwendig ist, wie wir es täglich erleben. Dann wird das Gespräch über Parallelgesellschaften gegenstandslos.
Text: Werner Wagner - Artikel vom: 09.08.2006